Ho Chi Minh City – Auf dem Stuhl von Graham Greene

25. DEZEMBER 2012 – Vietnam Impressionen (7)

Abschied von Hoa in Da Nang. Wir fliegen nach Ho Chi Minh City, dort erwartet uns Huie, unser bisher ältester Reiseleiter. Er war von 1975 (noch vor Ende des Vietnamkrieges) bis 1980 in Deutschland, in Weimar, und hat dort Volkswirtschaft studiert. Wir begrüßen auch unseren neuen Fahrer für die letzten fünf Tage und steigen in seinen Hyundai. Der Flughafen ist nur zehn Kilometer von der Innenstadt entfernt, liegt inmitten der mit inzwischen neun Millionen Einwohnern zusammengewachsenen Stadt. Und von diesen neun Millionen sollen ungefähr drei Millionen im Besitz eines Mofas, einer Vespa oder eines Motorads sein, wie Huie schätzt. Die Chinesen bauen die teuren japanischen Motorräder nach und verkaufen sie für 1.000 Euro, also für ein Drittel des normalen Preises, in Vietnam. Man könne sofort erkennen, welche
Maschine nachgebaut ist, auch wenn der Name übernommen worden sei, sagt Huie und lacht.
Gleich nach dem einchecken im Hotel fahren wir in den nicht weit entlegenen ehemaligen Präsidentenpalast, den wir auch gut zu Fuß hätten erreichen können.

DSC_0920DSC_0668DSC_0680In Hanoi war ich von den vielen Mofas schon überrascht, hier fehlen mir die Worte. Eltern mit einem Säugling zwischen sich und dazu noch einem kleinen Jungen stehend vor dem Lenker. Trommeln, Bananenstauden, Eier-
lDSC_0670adungen, Bambusrohre, hohe Glasplatten, Obstkiepen und das alles zwischen hunderten von Knattertons, die sich ihren Weg bahnen. Auch an den Kreuzungen, an denen Autos und Fußgänger sich gleichzeitig ihren Weg bahnen, bleiben alle ruhig, setzen ihren Weg mit Rücksicht auf die anderen Verkehrsteilnehmer fort. Das ununter-
brochene Hupen ist keine Unmutsäußerung, sondern zeigt dem in der unmittelbaren Nähe Fahrendem nur an, dass man doch bitte noch ein Stück nach rechts fahren möge, damit das Überholmanöver trotz Gegenverkehr reibungslos vonstatten gehen kann. Unfälle scheinen aber trotz allem häufig vorzukommen.
Präsidentenpalast, Kathedrale und Hauptpost. Für das Kriegsmuseum bleibt nur noch eine Stunde, dann werden wir unmissverständlich nach draußen komplementiert und die Räume werden mit dicken Ketten und Schlössern zugesperrt. Ob mir noch etwas unklar sei, fragt mich Huie, als wir die Treppe nach unten gehen. Ich erzähle ihm, dass ich mit 17 Jahren in Hamburg zu Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg auf die Straße gegangen sei, und mein Chef mir am nächsten Morgen gesagt habe, dass man uns allen den Arsch aufreißen und mit einer Knarre nach Vietnam schicken solle, um mit dem Kommunistenpack aufzuräumen. Huie lacht. Das Schicksal vieler amerikanischer Hippis und Kriegsgegner ist mir Gottseidank erspart geblieben. Einen von ihnen habe ich als völlig zerstörten Menschen in Phoenix/Arizona, als Leiter eines kleinen Guesthouses kennengelernt.

DSC_0653Abends gehen wir in ein Lokal, das uns empfohlen worden ist. Ein sehr großes Restaurant, das bei Einheimischen sowie bei Touristen sehr beliebt zu sein scheint. Wir bekommen einen Platz auf der Te­ras­se im ersten Stock. Sitzen oberhalb der sehr lauten Verkehrsstraße, aber im Freien. Wir bestellen Hotpot. Der Kellner bringt wie beim Fondue alles an unseren Tisch, stellt den Topf auf die Flamme, lässt den Fisch, die Muscheln, die Garnelen in den Topf gleiten und Gemüse und Kräuter kommen hinzu. Es schmeckt köstlich. Im Anschluss gehen wir Richtung Saigon Fluss. An der Oper vorbei, die die Franzosen gebaut haben, an großen Hotels. Neben uns wie immer hunderte von Mofas mit überwiegend jungen Menschen. Wo mögen die nur alle hinfahren.

DSC_0657Wir gehen an der Uferpromenade des Saigon Flusses entlang. Romantische Stimmung. Liebespaare sitzen auf Balustrade. Wir blicken auf das Majestic-Hotel, später gehen wir dort ins Café im ersten Stock, sitzen auf der Terasse. Wer weiß, vielleicht hat genau an diesem Tisch damals auch Graham Greene gesessen.

Hoi An – Seidenraupen und Weihnachtsmann

23. DEZEMBER 2012 – Vietnam Impressionen (6)

Heute Morgen keine Fahrradtour zu dem kleinen Dorf in der Nähe von Hoi An. Es hat die ganze Nacht geregnet und gestürmt. Der Feldweg ist noch glitschig und schlecht befahrbar. Trotzdem können wir mit Hoa nach kurzer Zeit auch ohne Regen durch Hoi An schlendern. Stelle mir eine journalistische Reise mit dem Zug von Saigon nach Hanoi vor, mit vielen
Zwischenstationen, in denen ich Hoa und Thé als Begleitung hätte. Hoa ist ebenso skeptisch wie Thé es in Hanoi war, obwohl er im Gegensatz zu Thé keinen politischen Fragen aus-
weicht. So frei scheint dieses immer noch kommunistische Land doch noch nicht zu sein. Erst seit zwei Jahren gäbe es hier Pressefreiheit, erklärt Hoa.
DSC_0533Wir schlendern über den Fisch- und Gemüsemarkt, der direkt am Thu Bon Fluss liegt und fahren dann mit dem Boot in ein kleines Dorf, dass früher von Töpferarbeiten leben
konnte. Inzwischen ist es nur noch von alten Menschen und Kindern bewohnt. Die jungen Leute arbeiten irgendwo in den Städten, um der Armut und dem primitiven Leben in diesem Ort zu entkommen. Die Kinder lassen sie bei den Großeltern. Die betteln uns jetzt an und die Töpferinnen möchten, dass wir ihnen kleine Figuren abkaufen. Hoa ist der Gang durch das Dorf ebenso unangenehm wie uns. Er hatte vorgeschlagen mit dem Boot Richtung Mündung zu fahren, um die schöne Landschaft zu genießen. Wenn ich gewusst hätte warum, hätte ich nicht auf die angekündigte Fahrt ins Töpferdorf bestanden.

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Nach unserer Rückkehr besichtigen wir ein typisches früheres Wohnhaus von Hoi An, dessen Altstadt zum UNESCO Kulturerbe gehört. Im Haus leben noch die sichtbar verarmten Besitzer. Wir essen eine Kleinigkeit bei einer Garküche am Fluss und gehen dann in ein Geschäft für Seidenbekleidung, in dem uns die Entstehung der Seide am Beispiel der unterschiedlichen
Entwicklungsstufen der Raupen gezeigt werden.

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Ganz oben werden die Fäden gesponnen. In der Nähe steht das Model eines Saccos aus Rohseide, das ich mir anschaue. Sofort werde ich von einer Verkäuferin aufgefordert, das Sacco anzuprobieren. Es ist mir etwas zu klein, aber in dem Geschäft würde auf Maß geschneidert. Noch am selben Abend könne ich das Sacco anprobieren und am nächsten Tag abholen. Dann könnte ich es Heiligabend tragen.

Hoa hat draußen gewartet. Wir gehen Kaffee trinken und Kuchen essen. Wir bräuchten nicht für ihn zu bezahlen, als Reiseleiter bekäme er das umsonst. Mit dem Auto fahren wir zu einem Massagestudio, das Hoa uns empfohlen hat, weil die Mädchen dort besser seien als im Hotel und die Massage weniger kosten würde. Hoa versorgt seine Leute. Das Studio ist gut besucht, es warten schon einige Kunden bei einer Tasse Tee. Vor ihnen kleine Wannen, in denen die Füße gewaschen werden, bevor man ins Massagezimmer geführt wird. Zwei dünne Matratzen liegen auf dem Boden. Zwei junge Mädchen stehen für die neunzigminütige Ganzkörpermassage bereit. Es ist nicht richtig warm im Zimmer. Draußen stürmt und regnet es, und wir bekommen Regentropfen ab. Die Fenster bleiben trotzdem geöffnet, weil der Raum klein ist und die Masseurinnen hart an unseren Körpern arbeiten. Ich genieße es, bin danach völlig entspannt. Zum Abschluss wie immer ein Tee. Das Taxi zum Hotel geht aufs Haus.

Abends fahren wir mit dem Hotelshuttle noch einmal in die Stadt. Zuerst gehen wir in das Seidengeschäft. Ich kann mein Sacco schon anprobieren. Alles passt. Ich solle doch noch ein Hemd dazu kaufen, empfiehlt die Verkäuferin. Aber ich bleibe standhaft.
Mehrere Stunden hat es geregnet, so dass sogar der Fluss in der Innenstadt von Hoi An über das Ufer trat und die Straße am Markt teilweise unter Wasser gesetzt hat. Vor dem Lokal, wo wir essen wollten, riecht es vom Markt her, der auch unter Wasser steht, nach Abfällen. Wir weichen in ein anderes Lokal aus. Heute Abend ist es ungemütlich in der Stadt. Wir holen nach dem Essen sofort unsere Seidenweihnachtsgeschenke ab und fahren zurück ins Hotel.

DSC_0551Am Morgen ist es trocken, so dass wir mit dem Fahrrad durch die Reisfelder fahren können. Die Räder hat Hoa schon vor den Eingang gestellt. Der Himmel reißt auf. Es wird sonnig und angenehm warm. Kurz vor der Stadt biegen wir ab in die Wasser-
palmenallee. Links und rechts Reisfelder und Fischteiche. Ein Wasserbüffel mit zwei Jungen versperrt uns den Weg. Auf einem Feld
bereitet ein Bauer den schlammigen, wässrigen Boden maschinell mit einer Planierrolle für die Reissetzlinge auf. Rundherum sitzen und fliegen Seidenreiher.

DSC_0569Beim Gemüsebauer werden wir von einer alten Frau begrüßt. Ich kann mich nicht sattsehen an ihrem witterungsgegerbten, stolzem Gesicht. Sie hält eine Zigarette in ihren von schwerer Arbeit gezeichneten Hand. Wir sollen ein bisschen die landwirtschaftlichen Tätigkeiten kennenlernen, ein Beet hacken, für die Pflanzung vorbereiten, danach die Setzlinge in den Boden stecken und abschließend das frische Beet bewässern. Getrocknete Pflanzen als Düngung in zwei großen Schalen, die an einem langen Stab hängen und über den Schultern liegen, müssen wir zu dem Beet bringen. Wir tragen einen braunen Kittel und den typischen geflochtenen vietnamesischen Kegelhut. Tom und Jerry, stößt der Jüngere mich an und lacht. Sie verdienen sich ein wenig Geld dazu, in dem sie Touristen wie in einem Schulgarten betreuen. Nach der Gartenarbeit haben wir dringend eine Fußmassage nötig, die wir von zwei humorvollen Frauen erhalten, die das ganze ebenfalls nicht so ernst nehmen. Danach dürfen wir Frühlingsrollen zubereiten. Ein Koch zeigt uns wie man den Teller ästhetisch schön mit den Speisen gestaltet. Eine leckere Mahlzeit am frühen Nachmittag, die bis zum Weihnachtsdinner reichen muss.

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Hue und Wolkenpass – »Dicker Bauch – Kurzes Leben«

21. DEZEMBER 2012 – Vietnam Impressionen (5)

Auf dem Weg zur etwas erhöht liegenden Thien Mu Pagode oberhalb des Parfümflusses bei strahlend blauem Himmel wiederholt Hoa, der eine helle Hose, ein weißes Hemd und eine khakigrüne Kappe mit dem roten Vietnamstern trägt, in einem kurzen Geschichts-
exkurs noch einmal die Erfolge des vietnamesischen Volkes in den letzten 1000 Jahren. Ein so kleines Land, nie verloren, Wahnsinn, ey! Vietnam sei seit 1010 ein eigenständiger Staat. Vorher war Vietnam eine Provinz der Chinesen. Von Hoa werden wir noch viel lernen auf dieser Reise. Eine seiner Weisheiten: »Dicker Bauch – Kurzes Leben. So sei das!«
Hoas Eltern stammen aus Hue. Sein Vater sei mit seiner Familie nach Hanoi gegangen, um sich den Befreiungstruppen Ho Chi Minhs anzuschließen. Er war Professor für Literatur, vorher Lehrer. Der Vater schloss sich in Honoi der Kommunistischen Partei an. Er traf auch mit Ho Chi Minh zusammen, worauf er sehr stolz gewesen sei. Im Krieg gegen die Franzosen verlor er einen Arm. Danach im Krieg gegen die Amerikaner arbeitete er wieder. Aber er unterrichtete seine Schüler nicht nur in Literatur, sondern brachte ihnen auch das Schießen bei. Wenn die amerikanischen Angriffe kamen, mussten sie sich verteidigen können und kämpfen. So sei das gewesen!

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Ho Chi Minh und auch sein Vater seien keine wirklichen Kommunisten gewesen, sie waren Patrioten und Nationalisten, und wollten etwas für Vietnam tun. Immer sei es bei seinem Vater nur um die Gemeinschaft, um Vietnam gegangen und weniger um die Familie. Das habe er damals nicht verstehen und akzeptieren können, deshalb wollte er so schnell wie möglich sein eigenes Leben führen. Habe das Leben des Vaters abgelehnt. Er ging 1994 in die Tschechoslowakei, nach Prag, um dort Literatur zu studieren. Das habe ihm sein Vater vermittelt, weil er Angst gehabt habe, Hoa kehre sonst als Dieb zurück. Aber er sei mit Hilfe von vietnamesischen Freunden, die bereits in Deutschland lebten, illegal über die Grüne Grenze nach Deutschland eingewandert und habe einen Asylantrag gestellt. Nein, er sei nicht verfolgt gewesen, aber in Deutschland reichte es, aus einem kommunistischen Land zu kommen, um erfolgreich einen Asylantrag stellen zu können. Hoa arbeitete in München und Nürnberg in Biergärten und in asiatischen Restaurants illegal als Kellner. In der Küche arbeiten acht Leute, davon sieben illegale Vietnamesen. Der Wirt hatte auch ein Restaurant auf dem Flughafen, in dem viele Illegale arbeiteten. Er stand sich gut mit den Mitarbeiterern aus dem Arbeitsamt. Wenn Kontrollen kamen, sagte der Chef: Hoa, morgen bleibst Du zu Hause. Ja, so sei das gewesen. Die Vietnamesen waren flexibel. Wenn es voll war, blieben sie so lange wie der Chef es wollte. Die deutschen Angestellten packten eine halbe Stunde vor Feierabend schon ihre Sachen zusammen. Deshalb waren die vietnamesischen illegalen Angestellten sehr begehrt, und nur deshalb konnte er in Deutschland so lange ohne Arbeits- erlaubnis arbeiten. Zuerst nur verborgen in der Küche, aber dann, als der Chef in Not war wegen eines fehlenden Kellners, sei er für diesen eingesprungen und habe an dem Abend so viel Umsatz gemacht, dass er von da an am Wochenende  kellnern durfte. Dabei habe er manchmal mit Trinkgeld 400 DM verdient. Er wollte nicht weg aus Deutschland. Aber dann sei sein sieben Jahre jüngerer Bruder bei einem Motoradunfall gestorben. Und er musste als jetzt nur noch einzige Sohn der Familie zurück nach Vietnam. Sein Vater war mit der Familie von Hanoi in die Beamten- und Gelehrtenstadt Hue gegangen, als Hoa drei Jahre alt war. Er wurde dort an der Uni Professor für Literatur und seine Mutter habe als Lehrerin für Lite- ratur gearbeitet. Sie  war zwanzig Jahre jünger als der Vater. Vor fünf Jahren sei sein Vater mit über neunzig gestorben. Bis zuletzt habe er jeden Morgen Tai Chi gemacht, sehr diszipliniert gelebt und sich gesund ernährt. Er sei immer ein vietnamesischer Patriot gewesen, natürlich auch Kommunist, aber in einem sehr positiven Sinne. Früher habe er seinen Vater mit seinen strengen Lebensregeln nicht verstehen können. Seitdem er tot sei, würde er immer mehr Verständnis für ihn haben. Das alles erzählte uns Hoa im Laufe unseres viertägigen Zusammenseins.

DSC_0386Wir genießen die Sonne bei der Besichtigung der Thien Mu Pagode. Die singenden Mönche erleben wir aber eben so wenig wie die Langohraffen in der Lagune in der Halong Bucht.
Wir gehen eine steile Treppenflucht zu dem Phuoc-Duyen-Turm. Die sieben Stockwerke symbolisieren die verschiedenen Inkarnationen Buddhas. Dann stehen wir vor dem großen dickbäuchigen lachenden Budda Di Lac. Der dicke Bauch bedeute, dass der Buddha das Böse der Menschen in sich trägt. Aber trotzdem lache er, sagt Hoa. Anders als der leidende Christi, denke ich, der zwar alle Last auf sich nimmt, aber die Menschen gleichzeitig mit Schuld belädt. So scheint mir für den einzelnen Menschen der Buddhismus doch eine glücklichere Variante des Glaubens zu sein. Verwundert schauen wir im hinteren Teil des Klostergeländes auf einen dort ausgestellten blauen Austin. Mit dem sei der aus Hue stammende Mönch Thich Quang Duc am 11. Juni 1963 nach Saigon gefahren und habe sich dort auf einer vielbefahrenen Kreuzung von anderen Mönchen mit Benzin übergießen und anzünden lassen, aus Protest gegen den von den Amerikanern gestützten katholischen Präsidenten Diem. Dieses Foto ging damals um die Welt. Und Thich Quang Duc blieb nicht der einzige Mönch aus Hue der diesen Protest gegen das verhasste südvietnamesische Regime wählte und mit dazu beitrug, dass die Amerikaner Präsident Diem fallen ließen. War es ein Zufall, dass Diem wenige Monate später ermordet wurde?

Wir fahren weiter und besichtigen eines der typischen Gartenhäuser oberhalb des Parfümflusses, für die Hue bekannt sein soll. Es sei noch im Privatbesitz erzählt Hoa. Die Erben möchten das Haus verkaufen, können sich aber nicht einigen. Ein Brautpaar in traditioneller vietnamesischer roter Kleidung lässt sich vor dem Haus und dem Garten fotografieren. Es soll Glück für die bevorstehende Ehe bringen.
Nur zweihundert Jahre war Hue Kaiserstadt. Und der Kaiserpalast, den wir nach dem Gartenhaus besichtigen, wurde zu großen Teilen im März 1968 von den Amerikanern zerstört. Nach der Tet-Offensive am 31. Januar 1968, dem vietnamesischen Neujahrsfest, griffen die Viet Minh und die südvietnamesischen Vietcong den Süden des Landes an und besetzten sogar für kurze Zeit die amerikanische Botschaft. Ein Riesenschock für die gesamte amerikanische Bevölkerung, der zu einem gnadenlosen militärischen Gegenschlag der US-Armee führte, bei dem auch der Kaiserpalast gegen die sich dort verschanzte vietnamesische Befreiungsarmee nicht verschont wurde. Dass kurze Zeit später, am 18. März 1968, das Massaker in dem Dorf My Lai stattfand, in dem US-Soldaten fast alle Dorfbewohner ermordeten, passt dabei gut in das gesamte Bild. Der verantwortliche ame­rikanische Offizier wurde dafür zu einer langen Freiheitsstrafe verurteilt, aber bereits nach zwei Jahren wieder entlassen.

DSC_0416Vor dem Kaiserpalast stehen Fahrräder für uns bereit. Wir fahren an den Mauern des Palastes entlang und danach über die Brücke in die Innenstadt.
Hoa zeigt auf eine Stelle am Ufer des Parfümflusses und erzählt, dass er hier früher mit seinem Vater schwimmen gegangen sei. Heute sei der Fluss zu schmutzig, um dort zu baden. Wir kommen an dem Gebäude vorbei, an dem Ho Chi Minh zu Schule ging und auch am Ho Chi Minh Museum, vor dem ein großes Plakat mit dessen typischem Konterfei zu sehen ist.
Wir biegen in eine Seitenstraße ein, fahren noch ein kleines Stück und erreichen dann ein traditionelles vietnamesisches Restaurant, in dem fast nur Einheimische zu speisen scheinen. Wir sind überrascht, dass sich Hoa und unser Fahrer mit an den Tisch setzen. Hoa fragt uns, ob er ein paar Kleinigkeiten, etwas für die vietnamesische Küche Typisches, für uns bestellen dürfe. Octopus und Tofu gegrillt, Nudelsuppe mit auf einem Extrateller servierten Sojasprossen und Kräuterblättern, dazu wird Reis serviert. Alles schmeckt sehr köstlich. Dazu trinken wir Jasmintee. Als die Rechnung kommt schaut uns Hoa an und sagt: »Alles zusammen neun Euro. Wahnsinn, ey!«

DSC_0434Am nächsten Morgen besuchen wir das Grab des vorletzten der 13 Nguyen-Kaiser. Mit dem Bau ihres eigenen Grabes begannen die Kaiser kurz nachdem sie auf dem Thron gestiegen waren, so konnten sie selbst den Ruhm für ihre Nachwelt bestimmen. Da die Ahnen ja weiter leben, nur in einem anderen energetischen Stoff, muss für ihre, wenn auch immer nur kurze Rückkehr, alles bereit stehen. Und wie im Leben, müssen die Vorbereitungen dafür getroffen werden. So gibt es im Kaisergrab auch Räume für die Konkubinen. Aus Angst, dass sein Grab geschändet und die Knochen entnommen werden könnten, hat unser Kaiser, den wir heute besuchen, seine Gebeine von engsten Vertrauten an einer geheimen Stelle bestatten lassen. Da der vorletzte Kaiser erst im 20. Jahrhundert bestattet wurde, gibt es außer Gemälden auch große Fotografien von ihm und seinen Hauptfrauen.
Hoa erklärt uns die Symbole der geschnitzten Tierstatuen. Der Drachen ist nicht wie bei uns ein böser Drachen, sondern er verspricht Glück und Erfolg. Ebenso wie die Fledermaus. Die Schildkröte symbolisiert die Bodenhaftigkeit, deshalb stehen die Götter und Heiligen auf ihrem Panzer. Der Mensch ist in der Hierarchie ganz unten, dann kommt die Erde und an höchster Stelle der Himmel.

DSC_0461Wir fahren Richtung Hai-Van-Pass. Der Wolkenpass, ist die Wetterscheide zwischen tropischem und subtropischem Klima. Unterwegs regnet es wieder. Überall dunkle Wolken, manchmal kommt ein bisschen die Sonne durch. Ein Lastwagen mit Tieren kommt uns entgegen. Da seien Hunde für den Norden drin, sagt Hoa. Im Norden essen sie Hunde, dort seien sie eine besondere Speziali-
tät, so sei das. Er esse zwar auch keine Hunde, aber wenn er im Norden sei, dort zum Essen eingeladen, dann dürfe er es nicht ablehnen, Hundefleisch zu essen. Das wäre eine große Beleidigung für den Gastgeber. Also esse er dort auch Hund. Man müsse einfach akzeptieren, dass es nicht überall so sei, wie man es von zu Hause kenne, doziert Hoa. In Vietnam stehe der Mann über der Frau, die Alten über die Jungen, so sei das eben. Das könne man gut oder schlecht finden, aber als Gast habe man das zu akzeptieren. Das hören wir noch des öfteren von ihm. Besonders eingeschossen hat er sich auf die Teilnehmer einer be-
stimmten Reiseorganisation, von der er schon viele Gruppen geführt habe, aber jetzt die Reiseleitung für solche Gruppen ablehne. Viele seien Lehrer, die alles besser wissen, und nicht akzeptieren könnten, dass es in Vietnam anders sei als in Deutschland.
Wir fahren den Pass hinauf. Jetzt sei alles wieder schön grün hier, toll was?, sagt Hoa. Früher sei in dieser Gegend überall dichter Dschungel gewesen, bis die Amerikaner aus Angst vor den vietnamesischen Befreiungstruppen, die circa 30 Kilometer entfernt auf dem Ho Chi Minh Pfad Richtung Süden unterwegs gewesen seien, begannen, mit chemischen Entlaubungsmitteln die Bäume zu besprühen und die Nutzpflanzen zu vernichten. Agent Orange nannten sie das. Von den Auswirkungen sind die Leute bis heute betroffen. Auch in der dritten Generation werden noch immer Kinder mit Missbildungen geboren. Auch in Amerika bei Soldaten, die das Gift versprüht hätten. Ein großes Kriegsverbrechen. Aber die Amerikaner haben es nicht geschafft, die Vietnamesen zu schlagen. Dieses kleine Land habe das große Land Amerika geschlagen und vertrieben, Wahnsinn, ey!

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Wir müssen vor einer Schranke halten. Vielleicht komme ein Zug, sagt Hoa, das könne aber dauern. Deshalb steigen wir aus. Ein sehr schöner Blick die Küste entlang. Dann kommt der Zug aus Saigon um den Berg herum, rollt an uns vorbei. Oben auf einem Waggon sitzt ein Mann. Früher seien die Dächer voll gewesen. Die Leute besaßen weder Autos noch Motorräder. Die Züge waren völlig überfüllt, so dass es die einzige Möglichkeit gewesen sei, wenn man wegkommen wollte, sich auf das Dach der Waggons zu setzen.

DSC_0464 DSC_0466Wir erreichen den Gipfel des Wolkenpasses und steigen kurz aus. Oben stehen immer noch die amerikanischen Befestigungsanlagen. Jetzt können wir auf der anderen Seite des Passes bis nach Da Nang blicken, wo die amerikanischen Bodentruppen das erste Mal in Vietnam einmarschiert sind. In der Stadt besichtigen wir das Cham-Museum. Die Cham lebten damals in Südvietnam, wurden vertrieben als sich der Norden immer weiter Richtung Süden ausbreitete und das Land in Besitz nahm. Uns ist nicht richtig nach Museum, obwohl es sehr interessant ist. Die Sonne kommt durch. In Hoi An haben wir ein Hotel direkt am Meer, wir möchten an den Strand. Aber wir sollen noch eine Marmorfabrik besichtigen. Nein – wir wollen nicht! Bald stehen wir vor dem Meer. Es ist windig und die Wellen sind sehr hoch. Man darf nicht ins Wasser.

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Zwei Stunden später ist es trocken. Klarer Sternenhimmel. Wir gehen in einem kleinen Lokal direkt am Fluss essen. Die Stadt verbreitet mit ihren Laternen, die die Straßenbeleuchtung ersetzen, eine romantische Stimmung. Nach dem Essen schlendern wir durch die Gassen der ein wenig musealen Altstadt von Hoi An. Und ich kaufe mir die gleiche grüne Kappe mit dem rotem Vietnamstern wie Hoa.

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Langohraffen – Kurze und lange Nasen

20. DEZEMBER 2012 – Vietnam Impressionen (4)

Wir verzichten auf Tai Chi am frühen Morgen auf dem Oberdeck. Um acht Uhr setzen wir mit einer kleinen Gruppe mit dem Begleitboot zu einer Lagune über. Morgens könne man dort Langohraffen sehen. Aber wir haben kein Glück, wie andere Touristen vor uns auch nicht. Es herrscht eine wunderbare Stille in der Lagune. Nur eine sehr begrenzte Anzahl von Booten wird gleichzeitig hineingelassen. Bei der Rückkehr die übliche Begrüßung an Bord. Nach dem Frühstück genießen wir die im Morgendunst liegende bezaubernde Landschaft.

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Thê wartet schon am Kai auf uns. Rückfahrt nach Hanoi zum Flughafen. Unterwegs besichtigen wir einen Tempel, der unscheinbar etwas Abseits an der Straße liegt.
Während der Autofahrt erzählt Thê ein wenig von sich. Er ist verheiratet. Seine Frau ist Rechtsanwältin und zur Zeit in Ho Chi Minh City. So nennen fast alle unsere Reiseleiter die ehemalige Hauptstadt Südvietnams, Saigon. In Ho Chi Minh City gäbe es bessere Spezialisten für eine künstliche Befruchtung. In Vietnam keine Kinder zu haben sei ein sehr großer Makel. Genauso wichtig sei es, das ein Sohn geboren wird, weil nur der den Namen der Familie weitertragen kann. Vietnam ist vom Konfuzianismus mit seiner strengen hierarchi-
schen Ordnung in Familie und Staat geprägt. In der Familie genießen die alten Menschen die höchste Anerkennung und werden von den Jüngeren verehrt. Obwohl die meisten Vietnamesen nicht gläubig seien, sagt Thê, hätten sie doch einen Glauben, auch wenn er von unterschiedlichen Strömungen wie Konfuzianismus, Taoismus, Buddhismus und Christentum durchmischt sei. Als wir den Tempel betreten, verbeugt sich Thê. Es gibt unterschiedlich große Figuren, jede einzelne verkörpert bestimmte Tugenden. So wie das Gute und das Böse – Yin und Yang.

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Es gibt Buddhas und Muttergottheiten, Naturgeister und Helden, die verehrt werden. Die volkstümlichen Einstellungen zu den Religionen sind sehr von Pragmatismus geprägt, denn die Heiligen und Gottheiten sollen die Menschen beschützen, ihnen helfen, auch Kinder zu bekommen. Besonders einen männlichen Nachfolger, und sie sollen ihnen Glück bringen. Eine Religion die sich nicht im Diesseits bewährt, habe bei den Vietnamesen keine Chance. Das klingt sehr sympathisch. Ahnenkult, Verehrung von Gottheiten und der Mondkalender seien die drei Säulen des geistigen Lebens in Vietnam, lese ich, und das bestätigt sich auch im weiteren Verlauf unserer Reise.

Draußen auf den Altären haben die Menschen Obst, Reis und andere Lebensmittel gestellt. Die seien für die Ahnen, sagt Thê, die weiter in der Familie mitlebten. Das sei auch bei Ihnen in der Großfamilie so. In jedem Haus gäbe es einen Altar. Wenn seine Frau kochen würde, dann stellte sie das Essen erst einmal für die Ahnen auf den Altar und erst danach würden sie mit dem Mahl beginnen. Das sei etwas sehr Schönes, wenn die Ahnen in der Familie auf diese Weise präsent blieben.

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Später besuchen wir noch andere Tempel, in denen besonders Frauen inbrünstig für einen Sohn beten und Zettel mit Wünschen auf den Altar legen. Oder es werden, um die Götter zu erweichen, bienenkorbartige Räucherstäbchenspiralen gekauft und im Tempel aufgehängt. Um so wichtiger der Tempel, um so mehr Spiralen hängen unter der Decke. In einigen Tempeln muss man tagelang auf einen Platz warten, bis die Räucherstäbchen aufgehängt werden können. Die Decke ist so voll, dass man die Heiligenfiguren dahinter nicht mehr sehen kann. Diese Tempel bräuchten sich nicht um ihre Einnahmen zu sorgen, sie hätten viel Geld zur Verfügung.

The_VDZurück am Flughafen in Hanoi. Thê begleitet uns bis zum Schalter und wartet so lange bis wir eingecheckt haben, und er sicher sein kann, dass es keine Schwierigkeiten geben wird. Die Reiseleiter arbeiten alle freiberuflich und sind für mehrere Agenturen tätig. Ein Abschiedsfoto. Zusammen wollen wir noch einmal in die Berge Nordvietnams reisen. Lange Nase mit kurzer Nase in der Provinz, kichert Thê.  Wenn das seine Kollegen erführen, würden die sagen: Jetzt sei Thê völlig Ballaballa.

Flug nach Hue. Unser neuer Reiseleiter heißt Hoa, ein vietname-
sischer Patriot, der, wie er uns, kaum dass wir im Auto sitzen, schmunzelnd mitteilt, sein Deutsch im Biergarten gelernt habe. Und auf der Fahrt zum Hotel erzählt er uns auch mit vietnamesischem Stolz: Wir haben 1000 Jahre im Krieg gelebt. Und wir haben alle Großen geschlagen, die Mongolen, die Chinesen, die Franzosen und als letzte sogar noch die Amerikaner. Ein so kleines Land, nie verloren, Wahnsinn, ey!
Wenn wir noch Getränke bräuchten, gegenüber vom Hotel gäbe es einen Laden, da könnten wir billig Bier kaufen. Für ein Drittel von dem, was wir an der Bar bezahlen müssten. Wenn dort schon zu sei, könnten wir ruhig klopfen. Sie seien deshalb nicht böse. Als wir später vor dem verschlossenen Rollgitter stehen, beschließen wir doch, das teuere Bier an der Bar vor dem Swimmingpool zu trinken. Obwohl es erst kurz vor Elf ist, sind nur zwei Gäste im Lokal, die kurz danach aufbrechen. Wir sind müde und gehen schon bald in unsere sehr stilvoll mit Holztäfelungen eingerichtete Lodge. Nur kurz versuchen wir, uns davor auf unsere kleine Terasse zu setzen. Die Moskitos begrüßen uns vielzählig und treiben uns in die geschützten, klimatisierten Räume. Vor unserer Lodge stehen Bananen­bäume und auch im Innenhof blicken wir beim Duschen auf die grünen großen Blätter.

Halong Bucht – Kohlenstaub vor bizarrer Kulisse

19. DEZEMBER 2012 – Vietnam Impressionen (3)

Wir fahren zur Halong Bucht. Gewöhnen uns langsam an die Fahrweise der Vietnamesen. Nur nicht an die blauen Ling Long Busse, deren Fahrer unglaublich rücksichtslos agieren, sehr waghalsig links und rechts und auch auf der Fahrspur des Gegenverkehrs überholen. Aber auch das scheinen alle zu kennen und darauf eingestellt zu sein.
Die Luft wird immer stickiger. Kurz vor Halong überall Kohlenruß auf der Straße. Die meisten Bewohner arbeiten im Bergwerk. Die Steinkohle liegt hier nicht wie im Ruhrgebiet in der Tiefe, sondern wird, wie bei uns die Braunkohle, über Tage abgebaut. Ein großes Kraftwerk steht mitten im Ort. Die Luft ist voller Kohlenstaub und verursacht bei mir eine leicht
depressive Stimmung. Trotzdem freuen wir uns auf die Dschunkenfahrt in der Halong Bucht. Alles ist bis ins Kleinste hervorragend organisiert.

DSC_0228Die Tuffsteinberge liegen wie schon in Nin Binh in einem
leichten Dunst. Nach dem Essen erhalten wir Schwimmwesten und fahren mit einem Beiboot zur Sung Sot Grotte, einer Tropfsteinhöhle. Für die zehnminütige Fahrt werden wir verabschiedet, als gingen wir einem längeren großen Abenteuer entgegen. »Welcome back«, werden wir bei unserer Rückkehr herzlich von den netten Mädels an Bord begrüßt und erhalten ein nasses Tuch, als hätten wir in der Höhle Ausgrabungen vornehmen müssen.

DSC_0229Den Ausflug eine halbe Stunde später zu einem Aussichts-
punkt ersparen wir uns, legen uns mit einem Glas Wein auf das Oberdeck und genießen die bizarre Landschaft. Auch den Kochkurs danach schlappern wir, lassen uns aber zur Happy Hour ein paar Kostproben der Frühlingsrollen schmecken. Etwas später beginnt das Dinner.

DSC_0285Danach ein Filmangebot: »Der stille Amerikaner« nach einem Roman von Graham Greene. Der Film spielt in der Zeit von 1952 bis 1954, als die Amerikaner den Politiker Ngo Dinh Diem als Marionette in Saigon zum Präsidenten von Südvietnam installierten, garniert mit einer Liebesgeschichte zwischen einem schon älteren, der amerikanischen Vietnampolitik kritisch gegenüberstehenden Journalisten und seinem regimetreuen jungen Widersacher, der bei einem Attentat der südvietnamesischen Befreiungsorganisation ums Leben kommt. Die hübsche Vietnamesin möchte nur raus aus Saigon  und kehrt nach dem Tod ihres jungen Liebhabers zu dem stillen Amerikaner zurück. Bei unserem späteren Besuch in dem heutigen Ho Chi Minh City werden wir oben auf der Terrasse des Majestic Hotels mit Blick auf den Saigonfluss sitzen, auf der Graham Greene zu diesem Roman inspiriert worden sein soll. Außer uns schauen sich nur noch zwei Männer, einer vermutlich ein in Amerika lebender Vietnamese und ein älterer Mitreisender, den Film an.

Ninh Binh – »Sexy Mädchen« im Schlammwasser

18. DEZEMBER 2012 – Vietnam Impressionen (2)

Um sechs Uhr morgens steht Tai Chi auf dem Programm, aber nicht wie angekündigt am Seeufer, sondern auf einem Parkplatz im Regen. Wir erhalten eine kleine Einführung von einem älterer Mann und seiner Frau. Meine Begleiterin hat die kleine, lächelnde Vietnamesin als Vortänzerin und ist lockerer als ich. Jeden Morgen treffen sich hier meist ältere Menschen. Ihre Bewegungen sind harmonisch. Wenn man die Abläufe internalisiert hat und sich der Musik hingibt, soll es eine heilende Wirkung haben. Der Regen wird stärker. Wir suchen Schutz unter den Baumkronen. Unsere Lehrer fordern uns auf weiterzumachen. Sie geben die Schrittfolge und Bewegungen der Hände und Arme vor. Noch ein- zwei Mal muss ich es versuchen und kann mich doch nicht richtig konzentrieren. Wir bedanken uns bei den beiden Alten. Unser Reiseleiter bezahlt, wir geben ein Trinkgeld und kaufen eine CD. Dann fahren wir zurück ins Hotel zum Frühstück.
Thê wartet vor der Rezeption und telefoniert noch einmal mit der Agentur und dem Flughafen. Unser Gepäck ist da. Wir können es abholen und fahren gleich danach in die
Provinz Ninh Binh. Die typischen Tuffsteinberge, die man aus Bildbänden kennt, tauchen in der Ferne auf. Manche sind halb abgetragen, davor stehen Zementfabriken. Thê bedauert das sehr, aber dagegen könne man nichts machen.

DSC_0096Weiter zum Dorf Ghia Hung. Als wir ankommen schäppert es über uns aus dem Lautsprecher bis in den letzten Winkel des Ortes. Musik und offenbar wichtige Durchsagen für die Dorfbewohner, und es scheint nur ein Lautsprecher für den gesamten Ort zur Verfügung zu stehen. Ich hatte mich auf Ruhe im Dorf gefreut. Aber der Hof, den wir besuchen, liegt nicht weit genug entfernt.
Begrüßung durch den Hausherrn und seiner Frau bei einem Tee. Danach wird uns von der Tochter der Tisch gefüllt mit Frühlingsrollen, Gemüse mit viel Minze, Fisch, Fleisch und Reis. In kurzen Abständen lünkern zwei Jungen neugierig um die Ecke. Der Gastgeber erscheint ein paar Mal lächelnd auf der überdachten, schattigen Terrasse mit einer Flasche selbstgebrannten Schnaps und schenkt uns ein. Ich habe den Eindruck, auch beim dritten Mal nicht ablehnen zu dürfen, lobe den Obstbrand und bedanke mich sehr herzlich. Thê und unser Fahrer essen von uns getrennt im Haus.

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Mit dem Fahrrad am Boi Fluss an Reisfeldern und Fischteichen entlang. Endlich Ruhe. Kurz hinter dem Dorf vor Feldern und Tuffsteinbergen an einem Nebenweg ein Friedhof, auf dem viele Leute stehen und Gräber ausheben. Ich möchte mir das anschauen. Thê willigt nur zögernd ein. Aber die meist jungen Menschen winken uns zu, sind gut gelaunt und rufen den Langen Nasen etwas zu. Was machen die Leute da? Hier in Nordvietnam, erzählt Thê, sei es Brauch, dass die Angehörigen die Gebeine der Verstorbenen nach drei Jahren (»inzwischen sei kein Fleisch mehr dran«) wieder ausheben. Die Knochen werden dann im steinernen Familiengrab mit den kleinen Pagoden beigesetzt. Früher durfte man die Gräber auf dem Land auf seinen Feldern errichten. Die Grabpagoden stehen auch heute noch im Sumpf verteilt. Drumherum Wasserbüffel und Silberreiher. Der schmale, wegen des häufigen Hochwassers etwas erhöht gelegene Plattenweg, auf dem man einem Auto gerade so eben ausweichen kann, führt durch Reisfelder, die hier im Norden zwei Mal bestellt werden.

DSC_0120Ein Mann auf dem Mofa, mit einem großen am Lenkrad herunterhängendem Fisch, kommt uns entgegen. Kurz darauf erregt eine größere Gruppe Menschen unsere Aufmerksamkeit. Zwei Frauen stehen in Kleidern mit großen, weißen Eimern in den Händen bis zu den Hüften im Schlammwasser und lachen, als sie mich mit dem Fotoapparat sehen. Die eine ruft: »Sexy Mädchen, was!« und biegt sich sehr anmutig vor Lachen. Im Teich hängt ein großes Netz, aus dem ein Mann mit einem geräumigen Käscher und mit Hilfe eines zweiten im Wasser stehenden Mannes alle möglichen Fischarten herausholt. Große und kleine Zappler.

DSC_0143Seine schwere Last schüttet er ein paar Meter weiter in ein mit Wasser gefülltes Plastikplanenbecken in dem schon viele
Fische schwimmen. Besonders große Exemplare trägt er mit der Hand zu einer Waage. Immer mehr Zuschauer finden sich ein. Auch ein alter Mann mit einer roten traditionellen Kappe und einem Ho Chi Minh Bärtchen und Jogginghose. Er freut sich, dass ich ihn fotografieren möchte.

DSC_0128Im Hintergrund liegen die sattgrünen Reisfelder mit der jungen gesprossenen Saat. Aber im Moment sei es noch zu kalt, und außerdem würde es regnen, da könne man die jungen Sprößlinge, die in Handarbeit in die Felder eingesetzt werden, noch nicht pflanzen. Erst müsse wieder die Sonne scheinen und eine bestimmt Temperatur erreicht sein, sonst sei die Ernte verdorben. Im Südvietnam hätten sie es da leichter, da gäbe es sogar drei Reisernten im Jahr. Thê drängt, wir müssten weiter, die Bootsfrau am Fluss in Van Long warte auf uns.

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Von Van Long (Trockene Halong Bucht) mit dem flachen Plankenboot, dem Sampan, durch das Schilf und die Tuffsteinberge. Es ist schon drei Uhr und nur ein einziges Boot kommt uns entgegen. Eine unglaubliche Ruhe, gepaart mit den leisen Schlägen unserer rudernden Vietnamesin hinter uns. Wir gleiten in eine Höhle. Etwas Licht vom flachen Ausgang auf der anderen Seite, wo der Fluss sich fortsetzt. Aber wir wenden. Jetzt beginnt eine Fahrt durch grünes Flussfahrwasser. Sind es schwarzgraue Störche, die gerade emporsteigen? Sie fliegen wie Weißstörche über uns hinweg. Und dann wieder große Schwärme von Silberreihern vor den grünen Tuffsteinzuckerhüten. Schnell wird es dämmrig und leicht dunstig. Eine fast mystische Stimmung im Vorabendlicht.

Bei unserer Rückkehr wartet Liu und möchte noch eine bestickte Tischdecke verkaufen. Wir müssen sie enttäuschen, obwohl sie glaubte, mich schon vor der Bootsfahrt mit ihrem mädchenhaften Charme auf ihrer Seite zu wissen.
Wir fahren ins Hotel. Haben in den letzten beiden Tagen viel erlebt und der Jetlag schlägt zu. Wir verzichten darauf, noch etwas zu essen, fahren stattdessen hoch in den achten Stock, gehen in die Sauna und lassen uns massieren.

Hanoi – Onkel Ho sieht keine Fahrräder mehr

7. DEZEMBER 2012 – Vietnam Impressionen (1)

Auf dem Fluhafen in Hanoi werden wir von Thê mit einem Namensschild erwartet. Sonderabfertigung beim Zoll. Thê wartet draußen, während wir zum Rollband für die Gepäckausgabe gehen.
Zwei Stunden starren wir auf das aufsteigende Förderband. Eine Frau vor uns hat bereits seit längerem ihr Gepäck, aber ihr Mann wartet noch auf seinen Koffer. Eine Reisegruppe muss auf zwei Teilnehmer Rücksicht nehmen. Immer mehr gehen zum »Lost and Found« Schalter. 500 Gepäckstücke seien in Frankfurt stehengeblieben. Dafür laufen Koffer für Saigon seit zwei Stunden im Kreis, verstopfen das Laufband für das Reisegepäck der nächsten bereits angekommenen Maschine. Das Flughafenpersonal stellt die Taschen, Kartons, Koffer und Rucksäcke neben das Laufband.
Kleine Ehedramen spielen sich ab, wenn die Frau mit den Pässen schon aus dem Zollbereich nach draußen gegangen ist oder der Mann nicht in hörweite steht. Lautes, ärgerliches Rufen. Das unterdrückte »Du Idiot!« oder »Wie blöd kann man denn nur sein!« schwingt mit. Eine Frau möchte von dem Vietnamesen hinter dem Schalter jetzt aber endlich mal wissen, wie das denn habe passieren können. Das wüsste der sicherlich auch gern, hilft aber den aufgeregten Mitbetroffenen im Moment auch nicht weiter, die alle ebenso wie wir Hanoi ohne ihr Gepäck werden verlassen müssen, da die meisten nur eine Nacht bleiben und dann weiter nach Ninh Binh oder zur Halong Bucht reisen.
Um so hektischer die Menschen, desto ruhiger werde ich, weil ich sehe, dass ich nichts  beeinflussen kann. Ich beobachte das Treiben um mich herum. Schließlich fehlen uns nur Koffer und Tasche. Wir sind vollständig bekleidet, haben sogar Pullover und eine Jacke dabei. Und das Gepäck wird man uns in Kürze nachschicken.

Thê ist sehr klein, hat große dunkle Augen. Wir haben zwei Stunden Verspätung. Er muss sein Programm ändern. Er telefoniert, bittet unseren wartenden Fahrer mit dem weißen Toyota vorzufahren. Leicht erhöht sitzen wir auf der Rückbank und trinken das gekühlte Wasser, das uns der Fahrer auf den Sitz gelegt hat. Thê teilt uns den Tagesablauf mit. Erst einmal einchecken im Hotel, frühstücken, etwas ausruhen und dann vielleicht ein paar Ersatzklamotten einkaufen. Er zeigt uns auf der Karte eine Straße in der Nähe. Dort in den Geschäften würden wir alles finden.
Ankunft im Hotel. Vor dem Eingangsbereich ein großer, bunt geschmückter Weihnachtsbaum. Uns wird die Tür von zwei jungen Bediensteten geöffnet. Im Frühstücksraum, ebenfalls weihnachtlich kitschig geschmückt, eine Gruppe mit überwiegend dicken Amerikanern in kurzen Hosen, weißen Socken und Sandalen.

Hanoi_TransparenteAuf in die Altstadt, T-Shirts und Unterwäsche kaufen. Erste Straßenüberquerung ein Abenteuer. Viele rote Stoffbanner sind über die Straßen gespannt: 1972-2012. Vor 40 Jahren an Weihnachten haben die Amerikaner Hanoi bombardiert. Ho Chi Minh ist auf Fotos noch überall gegenwärtig. Der Krieg noch präsent, die Zerstörungen im Bewusstsein der Bevölkerung. Die kleinen Straßen sind voller Mofas. Man muss berechenbar sein im Straßenverkehr, auch als Fußgänger. Ganz ruhig im wimmelnden Verkehr die Straßenseite wechseln. Autos werden langsam, Fahrrad- und Mofafahrer weichen wie selbstverständlich aus, fahren links oder rechts an einem vorbei. Keine erbosten Gesichter, keine Aggressionen, normaler Straßenverkehr.

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Im Hotel duschen wir, ziehen uns die frisch erworbenen Sachen an. Strümpfe in meiner Größe gab es nicht. Wir legen uns eine halbe Stunde aufs Bett. Dann wartet Thê schon auf uns. Besuch bei dem in Vietnam sehr bekannten Künstler Dao An Khanh.  Wir fahren über den Roten Fluss, dessen Umland die Wiege des vietnamesischen Volkes war, zu dem Außenbezirk Long Bien. Am Straßenrand eine schmaler Parallelweg, an dem einige Häuser stehen und von dem Stichstraßen abzweigen. Eine davon gehen wir zu Fuß bis zum Ende. Dort steht das außen mit Holzstangen verzierte Haus. Der Künstler sei in Europa, teilt uns eine sehr attraktive Vietnamesin mit, die anstatt Dao An Khanhs auf uns wartet. Sie wird uns seinen Garten, sein Holzhaus, das gleichzeitig auch Atelier ist, zeigen.

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Sie schwärmt von Dao An Khanh, erklärt uns seine Gartenskulpturen, warum er zwischen Sträuchern und Bäumen in einer Wanne badet (trotz vieler Moskitos, von denen drei bei mir jetzt schon zugeschlagen haben), und zeigt uns seine erotisch dominierten Gemälde, die mich ein bisschen an das Werk von Gustav Klimt erinnern. In Vietnam lösten die nackten Frauenkörper noch Unverständnis aus. Hier sei man noch nicht so weit, sagt Thê, der sieben Jahre in Deutschland gelebt hat, dort als Techniker arbeitete und studierte.
Die Muse des Künstlers erzählt, dass Dao An Khanh bisher mit zwei Frauen zusammengelebt habe, aber er konnte ihnen nicht seine Liebe zeigen. Richtig geliebt habe er sie erst, als sie nicht mehr bei ihnen waren. Mit ihr scheint es anders zu sein.

Die MuseWir sehen auch den Wohnraum des Künstlers. Etwas im Dunkeln ein großer Altar mit zwei Buddha Figuren, davor stehen Zeichnungen. Zum Abschluss trinken wir Tee und die Schöne zeigt uns Fotos von Kunstprojekten, gigantische Skulpturen am Straßenrand zum tausendjährigen bestehen von Vietnam (1012-2012). Wenn man das sieht und hört, was Thê und die Muse von seinen Austellungen berichten, ist es für mich etwas unverständlich, dass der Künstler trotzdem noch beruflich als Polizist für sein Einkommen sorgen muss. Immerhin aber eine interessante Berufskombination. Ähnlich wie die von Anatol, der als Motoradstreife arbeitete und bei Joseph Beuys studierte.

Wir müssen los, in der Stadt wartet eine junge Germanistik-Studentin am Hoan-Kiem See auf uns, am See des zurückgegebenen Schwertes, wie die Sage besagt. Eine goldene Schildkröte taucht mitten im See auf und übergibt dem Großgrundbesitzer Le Loi ein Schwert. Nach fast zehnjährigem sieglosem Unabhängigkeitskampf gegen die chinesischen Besatzer der Ming-Dynastie kehrt Le Loi mit dem Schwert siegreich zurück. Und wieder taucht die Schildkröte auf und wie von magischer Hand gleitet das Schwert von Le Loi in ihr Maul zurück. Thê erzählt uns diese Sage, als wir auf die Studentin warten. Sie soll uns einige der 36 Straßen in der Altstadt zeigen, die noch heute die  Namen der früheren Zünfte führen, nach denen diese Straßen ihre Namen tragen. Wir sind durch die Zeitumstellung und durch die Aufregung am Flughafen sehr müde. Unsere zierliche Chinesin, die aus einem Ort mehr als 1oo Kilometer nördlich von Hanoi stammt, möchte Deutsch sprechen und uns viel erzählen. Obwohl sie noch nie ihr Land verlassen hat, spricht sie sehr gutes Deutsch. Wir würden die Ausbildung in Vietnam nicht kennen, sagt sie mit stolzem Gesichtsausdruck. Nur einer von uns kann neben ihr gehen und ihr zuhören.

DSC_0003Es herrscht ein ohrenbetäubender Lärm von den Mofas und hupenden Autos und Vespas auf der Straße. Zudem müssen wir uns auf der Fahrbahn fortbewegen, weil fast alle Fußwege von kleinen Motorrädern zugestellt sind. Ich schlage vor, einen Tee in einem der Straßenlokale zu trinken, wir seien heute schon so viel gelaufen und wir könnten uns so besser unterhalten. Sie stutzt einen Moment. Wir laden Sie ein. Okay! Nach einer halben Stunde laufen wir wieder los, weil Thê uns gesagt hat, in einer Stunde sollten wir zurück sei. Aber unsere junge Studentin mit der intelligenten Brille hat sich ein Programm vorgenommen, und mit oder ohne Teepause, das zieht sie gnadenlos durch, treibt uns durch die vollen Straßen, fragt alle paar Minuten jemandem nach dem Weg. Sie habe kein gutes Orientierungsvermögen. Die Straßen seien hier nach einem Planquadrat aufgebaut, alle seien gleich, da wüsste man nie genau wo man sei. Sie erzählt mir, warum die meisten Häuser hier in den Straßen nur sehr schmal seien. Viele Handwerker wollten einen Laden aufmachen, und es gab nur wenig Platz, so wollte man, dass jeder die Möglichkeit bekommt, seine Waren zur Straße hin zu präsentieren. Deshalb seien die Häuser teilweise nur 5-6 Meter breit und sehr weit in die Tiefe gebaut, manchmal bis zu 70 Metern, so dass die Zimmer alle hintereinander liegen. Wenn mehr Platz sei, gäbe es noch einen schmalen Flur, von dem man in die Zimmer ginge. So gäbe es in der Wohnung mehrere Zimmer ohne Fenster. Sie möchte uns auch unbedingt noch den Markt zeigen, auf dem man alles kaufen könne. Gemüse, Fleisch, Fisch, Kleidung. Oft sind es nur sehr kleine Stände mit einem schmalen Tisch. Auf einem liegen Fleischstücke blank auf der Tischplatte.

Hanoi_ObstverkäuferinDSC_0009Jeder versucht irgendetwas zu verkaufen. Unsere Studentin legt mir nahe, nicht in teuren Restaurants zu essen, da sei das Essen nicht gut. In kleinen Restaurants bekämen wir sehr gute Gerichte und auch von den kleinen Garküchen auf der Straße, wo Frauen die Speisen frisch zubereiten. Natürlich müssten wir darauf achten, dass alles sauber sei. Das könnten wir ja sehen. Thê ruft an und fragt, wo wir blieben. Ein paar Straßen möchte unsere junge Begleiterin uns aber trotzdem noch zeigen. Wir sollten uns nicht hetzen lassen, schließlich seien wir im Urlaub. Sie weiß, was sie will. Fragt wieder nach dem Weg. Wir sind total müde, haben kaum geschlafen und laufen jetzt mindestens schon wieder eine Stunde durch die Gassen. Ja, kein Problem, wir seien gleich da. Nach zehn Minuten erkenne ich die Straße, die zum See führt. Mit dem Wetter hatten wir scheinbar Glück, denn die Tage zuvor muss es geregnet haben. Thê erwartet uns schon sehnsüchtig, weil wir einen Termin für eine Fußmassage in einem großen Hotel haben, das zur Zeit umgebaut wird. Aber der SPA Bereich besteht. Es riecht nach Rosenwasser. Zur Begrüßung trinken wir eine Tasse Tee. Wir ziehen die Schuhe aus, werden von zwei jungen Vietnamesinnen begrüßt und in einen Raum geführt. Wir möchten uns bitte die Hosen ausziehen. Auf den beiden Liegen im Raum liegen Bademäntel. Sie verschwinden kurz und bitten uns dann, auf den Stühlen Platz zu nehmen, vor denen Schüsseln mit Rosenwasser stehen. Sie waschen uns die Füße und trocknen sie ab. Dann beginnt die Massage auf den Liegen. Füße, Waden, Schenkel, wieder Füße, dann der Nacken, die Kopfhaut. Ich schaue in das schöne Gesicht und in die Augen meiner jungen Vietnamesin, als sie mir den Nacken massiert. Schnell blickt sie zur Seite. Wir bedanken uns sehr herzlich und trinken noch einen Abschiedstee, sind entspannt. Aber Thê drängt zum Aufbruch. Die Agentur hat einen Tisch in einem Restaurant für uns reserviert. Zur Begrüßung seien wir eingeladen. Ein schönes Lokal. Wie überall ist die Klimaanlage an und es ist viel zu kalt an unserem Tisch. Wir erhalten das Einheitsmenü mit fünf Gängen, die alle auf einmal auf den Tisch gestellt werden. Nach dem abschließenden Kaffee will uns Thê mit unserem Fahrer ins Hotel bringen. Es ist kurz nach acht und noch angenehm warm.

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Wir lassen uns am See absetzen. Schauen einem Tanzkurs an der Uferpromenade zu. Es wird  Rumba und Tango unterrichtet. Ich beobachte eine Vietnamesin mit ihrem Partner, die in ihrem figurbetonten Kleid sehr erotische Tanzbewegungen macht. In der Mitte des Sees steht, von Scheinwerfern angestrahlt, eine Pagode, die sich im See spiegelt. Genau an dieser Stelle soll die Schildkröte aus dem See gekommen sein.

Literatur-Nobelpreis

Samstag, 14. Oktober 2006

Orhan Pamuk erhält den Nobelpreis für Literatur 2006.

Im letzten Jahr während der Buchmesse wird ihm in der Paulskirche in Frankfurt der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen. Immer wenn Autoren, die mir wichtig sind, diesen Preis erhalten, bemühe ich mich um eine Karte für die Preisverleihung. Paulskirche FrankfurtAls Verleger eines kleinen Verlages erhält man einen Stehplatz. So habe ich einen guten Überblick. Minister Schäuble kommt
erheblich zu spät, wird an den Rand der ersten Reihe gerollt. Es braucht etwas, ehe er sich auf die Rede des Laudators konzentrieren kann. Erst einmal scannt er die vorderen Reihen ab, stützt sich auf den Lehnen seines Rollstuhls ab, um besser sehen zu können, wer denn alles Wichtige anwesend ist.

Alle erwarten in der Rede von Orhan Pamuk, dass er sich noch einmal eindeutig zum Genozid an den Armenier in der Türkei 1915/16 äußert, den die offizielle Türkei bis heute nicht anerkannt hat. Diejenigen, die darüber reden und schreiben, werden vor Gericht gebracht. Pamuk hat den Völkermord in einem Buch erwähnt. Deshalb klagt man ihn in der Türkei an. Das Urteil soll in den nächsten Wochen gefällt werden. Aber er hält sich diplomatisch zurück, fordert stattdessen in Frankfurt vor Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in der ersten Reihe sitzt, die Türkei in die Europäische Union aufzunehmen. Es ist ein leidenschaftliches Plädoyer des europäischen Türken Orhan
Pamuk.

Özgen ErginMein Freund Özgen Ergin lebt bis zum Frühjahr dieses Jahres in Köln. Er kommt 1973 als Gastarbeiter nach Deutschland, wechselt später aus der Fabrik in den Sozialdienst eines ökumenischen Trägers, berät dort die unterschiedlichsten Nationalitäten und hilft ihnen zumeist bei ihren Problemen mit den deutschen Behörden. In jeder freien Minute schreibt er. 1987 erscheint sein erster Erzählband in Istanbul. Es folgen bald zwei weitere. Vor zwei Jahren erscheint sein erster Roman. Özgen Ergin schreibt seine Bücher auf türkisch. Dreißig Jahre hat er Angst, seine Sprache zu verlieren. Oft fährt er in die Türkei, liest auch in Deutschland türkische Zeitungen und sieht türkische Fernsehsender. Der Preis dafür ist, dass, wer mit ihm spricht, vermutete, er sei erst kurze Zeit in Deutschland.

Mit ihm zusammen organisiere ich von 1985-1986 im aterlier-theater in Köln deutsch-türkische Autorenlesungen. Ein deutscher und ein türkischer Autor lesen und sprechen nach ihren Vorträgen über ihre Texte. Das Publikum kann sich beteiligen.

Kurze Zeit später schreibe ich meinen ersten Roman »Operation Texel«. Ein Schwerpunkt ist der heimliche Rassismus der Nachkriegsdeutschen. Auch der Völkermord an den Armeniern wird in dem Buch thematisiert. Özgen redet nicht gegen den Standpunkt der Protagonistin in dem Roman. Er erzählt mir bei unseren vielen gemeinsamen Essen von seiner Familie in der Türkei. Es kommen Armenier vor und Kurden. So sei es in vielen Familien. Ich höre ihm immer sehr gerne zu. Irgendwann schmunzelt er vor sich hin. Prostet mir mit seinem Raki-Glas zu und beginnt eine Geschichte zu erzählen, eine neue Erzählung, an der er gerade schreibt. Mit viel Ironie und Humor erzählt er über seine türkischen Landsleute in Deutschland, deckt liebevoll ihre Schwächen auf und mit zwinkerndem Auge beschreibt er die Sichtweise der Türken auf ihre deutschen Mitbürger. 1992 bringe ich einen Sammelband mit seinen Erzählungen mit dem Titel »Charlie Kemal« heraus.
Jetzt ist Özgen Ergin zurück in die Türkei gegangen. Seine Frau hatte großes Heimweh und auch Özgen zieht es wieder in die Wärme. Ihre Kinder sind aus dem Haus und im Beruf. Ihre
erste Sprache ist deutsch. Kürzlich schreibt Özgen mir, mit den Menschen in seiner neuen Heimat Türkei sei es noch ein bisschen problematisch. Er müsse sich noch reintegrieren.

Edgar Hilsenrath ist zurück aus den USA. Er war drei Wochen bei seinem Bruder in Arkansas. Als wir gestern zusammen bei seinem Griechen um die Ecke essen, erzählt er mir, dass ihn gestern eine Freundin angerufen habe und fragte, warum nicht er den Literatur-Nobelpreis erhalte.
Die Frage sei berechtigt, sage ich, schließlich habe er mit seinem Roman »Das Märchen vom letzten Gedanken« über den Völkermord an den Armeniern, für den er schon den Alfred Döblin Preis erhielt und in diesem Jahr den Armenischen Nationalpreis für Literatur, Welt-
literatur geschrieben. Ebenso mit seinen Romanen »Nacht« und »Der Nazi & der Friseur«. So habe er für sein Gesamtwerk schon lange den Literatur-Nobelpreis verdient.

Während meines Lobes nippt Edgar Hilsenrath an seinem Espresso und steckt sich eine neue Zigarette an.

Georgische Melancholie

Sonntag, 24. September 2006

Vor einigen Tagen fand ich beim Aufräumen eine Visitenkarte der Filmemacherin Ruth Olshan wieder. Ich lernte sie im Mai 2002 auf einer Reise zu den Festspielen des deutschen Films in
Tiblissi in Georgien kennen. Dort wurden zwei Kurzfilme von ihr gezeigt, einer davon mit einem in Georgien sehr bekannten Filmschauspieler. Ich schrieb ihr eine eMail. Nur wenig später erhielt ich ihre Antwort. Sie sei in New York, käme nur kurz nach Berlin und reise dann weiter nach Moskau. Sie lud mich ein, am 21. Oktober, 18 Uhr in die Hackischen Höfe zu kommen. Dort werde ihr Dokumentarfilm »Wie Luft zum Atmen« über Georgien gezeigt. Sie hat ihn im letzten Jahr gedreht. Er handelt von Chormusik und Tanz in Georgien, von der Folklore, die den Menschen in ihrer momentanen wirtschaftlichen Not und in ihrer absoluten Armut eine Hilfe und Stütze sind. Für uns in Deutschland kaum vorstellbar.
Ruth Olshan IIch war 2002 kurzfristig zu den Filmfestspielen in Georgien zusammen mit Wolfgang Brod eingeladen worden. Unser Dokumentarfilm »Die Nacht der Georgier«, in dem es um die Erinnerungen an ein vergessenes Massaker am Ende des zweiten Weltkrieges auf der niederländischen Insel Texel geht, war kurz zuvor in Berlin und in Köln uraufgeführt und ein paar Tage später im Fernsehen ausgestrahlt worden. Es war meine dritte Reise nach Tiblissi.
1992 reiste ich das erste Mal nach Georgien, um Interviews für eine Radiosendung mit Georgiern zu machen, die das Massaker auf Texel überlebt hatten. Gulja Artimidze, die Tochter eines georgischen Aufständischen, hatte mich eingeladen, in ihrer Familie zu wohnen. Damals standen die Menschen die ganze Nacht vor den Bäckereien, um morgens ein Brot zu ergattern. Jugendliche liefen mit Gewehren und Pistolen auf der Straße herum und Benzin gab es nur gegen Dollar in Tankwagen am Straßenrand.
Bei meinem Besuch zwei Jahre später, gab es zwar Brot, aber fast niemand hatte Arbeit. Die
alten Leute standen täglich vor den Rentenkassen, ohne Geld ausbezahlt zu bekommen. Ich fuhr mit Gulja als Dolmetscherin und ihrem Mann Dato durch dieses wunderschöne Land am Rande des Kaukasus und führte viele Gespräche für eine Sendung im DeutschlandRadio Berlin.
Fünf Jahre später wurde das Hörfunk-Feature »Wir leben nicht, wir existieren« ohne jegliche Aktualisierung ein zweites Mal ausgestrahlt. In Georgien hatte sich immer noch nichts verändert.
Während der Filmfestspiele 2002 besuchte ich zusammen mit Ruth Olshan auf Einladung eines georgischen Schauspielers die Filmhochschule in Tiblissi, die zur Zeit der Sowjetunion große Filmemacher hervorgebracht hat. Bis heute fehlt es an einer modernen Grundausstattung, um neue Filme produzieren zu können. Georgien Landschaft IAber der Stolz der georgischen Menschen auf ihre Jahrtausende währende wechselvolle Geschichte, die sich in ihrer Musik, in ihren Tänzen und in ihren vielstimmigen Gesängen widerspiegelt, gibt ihnen auch in ihrer größten Not Hoffnung und Lebenskraft für die Zukunft.

 

Eine Akte bei der Birthler Behörde?

Freitag, 22. September 2006

In der letzten Woche erhielt ich Post von der Birthler-Behörde in Berlin. Die Recherchen hätten ergeben, dass ich in den Karteien des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Rebpublik mit meinen Personalien erfasst worden sei. Die Erfassung deute darauf hin, dass Unterlagen zu meiner Person vorhanden sein könnten. Sobald die eventuell vorhandenen Unterlagen für mich aufbereitet seien, setzten sie sich wieder mit mir in Verbindung. Von zwischenzeitlichen Nachfragen solle ich absehen.

Im November 1985 lerne ich Erasmus Schöfer kennen. Ich lade ihn zu einer Lesung im Rahmen der Veranstaltung »Köln-Rotterdamer-Begegnungen« ins atelier-theater in Köln ein. Ob ich Interesse habe, einen Maler aus der DDR auszustellen, fragt er mich, gleich nachdem er die Räume und die Bilder an der Wand gesehen hat. Er habe den Künstler Lutz Voigtmann auf der letzten Bezirkskunstausstellung in Karl-Marx-Stadt für sich entdeckt.
Vier Monate später fahren wir gemeinsam mit dem Nachtzug nach Berlin. Ausstellungen mit Künstlern aus der DDR werden über den Staatlichen Kunsthandel abgewickelt.

Wir frühstücken ausgiebig in einem Café in der Kantstraße in Berlin. Mittags treffen wir uns mit Rainer Ebert vom Staatlichen Kunsthandel im Hotel Metropol in Ost-Berlin, um von dort ein Zimmer in Karl-Marx-Stadt zu buchen. Nur so erhalten wir Besuchervisen für die DDR.
Als wir im März 1986 in einem grünen Lada von Ostberlin nach Karl-Marx-Stadt reisen, ahne ich noch nicht, dass ich später einmal einen Verlag haben und Erasmus Schöfer mit seiner
Roman-Tetralogie »Die Kinder des Sisyfos« mein Autor sein würde. Es ist meine erste Reise in die DDR.
Unser Fahrer Rainer Ebert erweist sich als ein guter Kenner der politischen Verhältnisse in der BRD, stellt Fragen zu unserer Einschätzung der Wahlchancen der SPD bei der nächsten Bundestagswahl. Er hofft auf die Anerkennung der DDR als eigenständigen Staat, weil dann, wie er hofft, die Reisebestimmungen für DDR-Bürger in die BRD gelockert würden. Schöfer meint, dass dann die Fachkräfte aus der DDR in die BRD abgeworben und die DDR damit empfindlich getroffen würde. Ebert ist da anderer Meinung.

Ankunft in Karl-Marx-Stadt, Hotel Kongreß, 18. Stock, nasskaltes Wetter, die Menschen sprechen sächsisch. Der Künstler Lutz Voigtmann wartet unruhig in seinem Atelier. Hatte seit mittags auf uns gewartet. Die Ausstellung in Köln hat für ihn eine große Bedeutung. Die Reisediskussion aus dem Auto wird später im Lokal bei Bier und Nordhäuser auch mit Lutz Voigtmann fortgesetzt.
Für mich ist es damals selbstverständlich, dass der Künstler auch zur Ausstellungseröffnung nach Köln kommen kann. Als ich merke, dass dies von Seiten des Staatlichen Kunsthandels versucht wird zu verhindern, rufe ich dort an. Das werde ganz oben entschieden, wird mir nach langen Nachfragen geheimnisvoll gesagt. Dann stellen Sie mich bitte durch! Schweigen auf der anderen Seite über diese unbedarfte Frage eines Westdeutschen.

Lutz Voigtmann durfte, nachdem seine Frau Besuch von einer jungen Dame bekam, die sie zu ihrer Ehe befragte, zur Finissage seiner Ausstellung nach Köln kommen.
Nach der Ausstellung besuche ich Voigtmann noch einige Male in Karl-Marx-Stadt. Einmal reisen wir, obwohl ich keine Genehmigung dafür habe, zusammen nach Rügen und besuchen dort Freunde von ihm. Die Bedenken Voigtmanns kontere ich mit meiner Automarke. Ich fahre einen LADA. Als wir zurück in Karl-Marx-Stadt sind, gesteht mir Voigtmann, welche
Ängste er deshalb ausgestanden hat. Wären wir angehalten worden, hätte er sich weitere Westreisen abschminken können.

Künstler aus Karl-Marx-Stadt, die zum Reisekader gehören, machen Station in unserer Wohnung in Köln, sind froh eine Unterkunft im Westen zu haben. Denn sie haben nur das Begrüßungsgeld der BRD von 100 DM in der Tasche.
Bei einer weiteren gemeinsamen Reise mit Erasmus Schöfer zu Lutz Voigtmann nach Karl-Marx-Stadt, fahren wir zu dritt weiter zur »10. Staatlichen Kunstausstellung der DDR« nach Dresden. Auf der Rückreise machen Schöfer und ich Halt in Weimar, besuchen Alena und Lotte Fürnberg. Schöfers Tochter hatte ein Semester mit Alena in Halle studiert. Ihr Vater ist der früh verstorbene Schriftsteller Louis Fürnberg, der in den dreißiger Jahren mit seiner Agitprop Gruppe in der Tschechoslowakei auftrat und später von den Nazis verfolgt wurde.

Ich habe den Namen Fürnberg vorher noch nie gehört. Nach der Wende führe ich ein langes Interview mit seiner Frau Lotte Fürnberg über ihr Leben und das ihres Mannes. So entsteht 1991 mein erstes Hörfunk-Feature »Als die Träumer aufmarschieren« für den Deutschlandfunk.
1997 fahre ich mit Erasmus Schöfer ein letztes Mal gemeinsam Richtung Osten. Jetzt heißt die Stadt Chemnitz, in der unser gemeinsamer Freund Lutz Voigtmann beerdigt wird. Kurze Zeit später eröffne ich in Chemnitz eine Retrospektive mit Werken des Künstlers Lutz Voigtmann, die ich gemeinsam mit der Neuen Sächsischen Galerie auf dem Kaßberg organisiert habe. Dort wird auch der Film »Es ist nichts weiter wie mein Leben« gezeigt. Mit einfachsten Mitteln habe ich wenige Wochen vor Voigtmanns Tod mit einer halbprofessionellen Kamera einen Film über Lutz Voigtmann gedreht.

Aber auch nach Voigtmanns Tod reise ich weiter nach Chemnitz. Inzwischen gibt es eine
Freundschaft mit einem anderen Künstler aus dieser Stadt. Zehn Jahre zuvor hat Erasmus Schöfer wieder einmal ein Bild für sich entdeckt. Wir erfragen die Adresse des Künstlers und besuchen Christian Lang in seinem Atelier. Dieser Künstler macht seit drei Jahren die Radierungen für die Buchcover der Edgar Hilsenrath Werkausgabe.
Anfang dieses Jahres erzählte ich einem Freund, dass mich jetzt, nach so vielen Jahren, doch interessieren würde, ob es eine Akte über mich von der Staatssicherheit der DDR gäbe. Er erzählte mir, dass es ganz einfach sei, dies zu erfahren. Am 11. Januar 2006 stellte ich dann die Anfrage bei der Birthler-Behörde.