Amsterdam, Egelantiersgracht 66

Mittwoch, 6. September 2006

Ein schöner Spätsommermorgen. Ich stehe früh auf, um vor dem Frühstück einen Spaziergang zu machen. Es zieht mich noch einmal zur  Egelantiersgracht, Haus Nummer 66. Hier wohnte Theun de Vries, der große niederländische Romancier. Das Haus spiegelt sich im Wasser. Auf der Brücke mit den grüngestrichenen eisernen Geländer habe ich ihn bei meinem letzten Besuch fotografiert. Er stieg die steilen Treppen der zwei Stockwerke seines Hauses erstaunlich schnell hinunter, obwohl er bereits weit über neunzig war, zog seinen blauen Mantel an, setzte seine Baskenmütze auf und stand mir Model.

Theun de Vries-webDer berühmteste Roman von Theun de Vries »Das Mädchen mit dem roten Haar« wurde verfilmt und wird immer wieder mal im deutschen Fernsehen gezeigt. Eine junge, aus bürgerlichem Hause stammende Studentin aus Amsterdam wird Schritt für Schritt zur Widerstandskämpferin gegen die deutschen Besatzer. Mit einer kleinen Gruppe von Kommunisten kämpft sie gegen niederländische Kollaborateure.

Sein Debüt gab Theun de Vries 1931 mit seinem Roman »Rembrandt«. Den veröffentlichten wir 1999. Theun de Vries hat viele Künstlerromane geschrieben. »Die Kardinalsmotette«, die wir als zweiten Roman publizierten, ist eine Liebeserklärung an die Musik, ein wundervolles Porträt des Komponisten Josquin des Prés und eine lebendige Schilderung der Zeit der Renaissance in Italien.

Und der dritte Roman, der im Dittrich Verlag erschien, »Vincent und Sien«, behandelt das Leben van Goghs mit einer Prostituierten in Den Haag. Weitere Bücher wagten wir uns nicht herauszugeben. Die Presse und vor allem die Buchhändlerinnen und Buchhändler ignorierten unser Bemühen, diesen großen niederländischen Romancier auch im Westen Deutschlands bekannt zu machen. In der DDR wurde er viel gelesen und auch in anderen osteuropäischen Ländern wurden seine Bücher übersetzt.

Eine schöne Geschichte: Bei der Überarbeitung der Übersetzung des Romans »Vincent und Sien« fiel uns auf, dass ein komplettes Kapitel im DDR-Buch fehlte. Es geht dort um die Syphilis, an der van Gogh erkrankt war. Da es im Sozialismus keine Syphilis gibt, hat man damals einfach dieses Kapitel gestrichen. Nach der Wende konnte wir diese Passagen wieder hinzusetzen, denn inzwischen gab es die Geschlechtskrankheiten auch wieder in den ostdeutschen Bundesländern.

Als Kommunist hatte Theun de Vries auf dem westdeutschen Buchmarkt nach dem Krieg keine Chance. Zu Beginn des neuen Jahrtausends leider immer noch nicht. Aber jetzt wird sein Roman »Rembrandt« wieder gelesen. Soeben ist er in der vierten Auflage unserer bearbeiteten Übersetzung bei dtv erschienen. Große Rembrandt-Ausstellungen steigern die Nachfrage.

Die letzten beiden Male als ich Theun de Vries besuchte, führten wir ein langes Gespräch über sein Leben und seine Bücher. Ich zeichnete alles auf, um es für eine Radiosendung zu verwenden. Aber der Verlagsalltag hat es bisher nicht zugelassen, mich weiter mit einem Porträt für den Rundfunk zu beschäftigen. Nach Theun de Vries Tod erschienen lange Nachrufe in den niederländischen Medien. In Deutschland nahm niemand Notiz von seinem Ableben.

Ebenso wie Edgar Hilsenrath oder Teodor Müller ist Theun de Vries für mich der Zugang zu einer vergangenen Welt, die heimlich in unsere Zeit hineinreicht. Fasziniert höre ich Ihnen zu oder lese, was sie mir zu erzählen haben.

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