{"id":82,"date":"2013-08-10T11:19:12","date_gmt":"2013-08-10T11:19:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.dittrich-verlag.de\/?p=82"},"modified":"2013-08-24T13:09:42","modified_gmt":"2013-08-24T13:09:42","slug":"amsterdam-egelantiersgracht-66-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.dittrich-verlag.de\/?p=82","title":{"rendered":"Amsterdam, Egelantiersgracht 66"},"content":{"rendered":"<h3>Mittwoch, 6. September 2006<\/h3>\n<p>Ein sch\u00f6ner Sp\u00e4tsommermorgen. Ich stehe fr\u00fch auf, um vor dem Fr\u00fchst\u00fcck einen Spaziergang zu machen. Es zieht mich noch einmal zur\u00a0 Egelantiersgracht, Haus Nummer 66. Hier wohnte Theun de Vries, der gro\u00dfe niederl\u00e4ndische Romancier. Das Haus spiegelt sich im Wasser. Auf der Br\u00fccke mit den gr\u00fcngestrichenen eisernen Gel\u00e4nder habe ich ihn bei meinem letzten Besuch fotografiert. Er stieg die steilen Treppen der zwei Stockwerke seines Hauses erstaunlich schnell hinunter, obwohl er bereits weit \u00fcber neunzig war, zog seinen blauen Mantel an, setzte seine Baskenm\u00fctze auf und stand mir Model.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.dittrich-verlag.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Theun-de-Vries-web.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-18 alignright\" alt=\"Theun de Vries-web\" src=\"http:\/\/blog.dittrich-verlag.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Theun-de-Vries-web.jpg\" width=\"300\" height=\"203\" \/><\/a>Der ber\u00fchmteste Roman von Theun de Vries \u00bbDas M\u00e4dchen mit dem roten Haar\u00ab wurde verfilmt und wird immer wieder mal im deutschen Fernsehen gezeigt. Eine junge, aus b\u00fcrgerlichem Hause stammende Studentin aus Amsterdam wird Schritt f\u00fcr Schritt zur Widerstandsk\u00e4mpferin gegen die deutschen Besatzer. Mit einer kleinen Gruppe von Kommunisten k\u00e4mpft sie gegen niederl\u00e4ndische Kollaborateure.<\/p>\n<p>Sein Deb\u00fct gab <a href=\"http:\/\/www.dittrich-verlag.de\/autoren\/theun-de-vries\/\">Theun de Vries<\/a> 1931 mit seinem Roman \u00bbRembrandt\u00ab. Den ver\u00f6ffentlichten wir 1999. Theun de Vries hat viele K\u00fcnstlerromane geschrieben. \u00bbDie Kardinalsmotette\u00ab, die wir als zweiten Roman publizierten, ist eine Liebeserkl\u00e4rung an die Musik, ein wundervolles Portr\u00e4t des Komponisten Josquin des Pr\u00e9s und eine lebendige Schilderung der Zeit der Renaissance in Italien.<\/p>\n<p>Und der dritte Roman, der im Dittrich Verlag erschien, \u00bbVincent und Sien\u00ab, behandelt das Leben van Goghs mit einer Prostituierten in Den Haag. Weitere B\u00fccher wagten wir uns nicht herauszugeben. Die Presse und vor allem die Buchh\u00e4ndlerinnen und Buchh\u00e4ndler ignorierten unser Bem\u00fchen, diesen gro\u00dfen niederl\u00e4ndischen Romancier auch im Westen Deutschlands bekannt zu machen. In der DDR wurde er viel gelesen und auch in anderen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern wurden seine B\u00fccher \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Eine sch\u00f6ne Geschichte: Bei der \u00dcberarbeitung der \u00dcbersetzung des Romans \u00bbVincent und Sien\u00ab fiel uns auf, dass ein komplettes Kapitel im DDR-Buch fehlte. Es geht dort um die Syphilis, an der van Gogh erkrankt war. Da es im Sozialismus keine Syphilis gibt, hat man damals einfach dieses Kapitel gestrichen. Nach der Wende konnte wir diese Passagen wieder hinzusetzen, denn inzwischen gab es die Geschlechtskrankheiten auch wieder in den ostdeutschen Bundesl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Als Kommunist hatte Theun de Vries auf dem westdeutschen Buchmarkt nach dem Krieg keine Chance. Zu Beginn des neuen Jahrtausends leider immer noch nicht. Aber jetzt wird sein Roman \u00bbRembrandt\u00ab wieder gelesen. Soeben ist er in der vierten Auflage unserer bearbeiteten \u00dcbersetzung bei dtv erschienen. Gro\u00dfe Rembrandt-Ausstellungen steigern die Nachfrage.<\/p>\n<p>Die letzten beiden Male als ich Theun de Vries besuchte, f\u00fchrten wir ein langes Gespr\u00e4ch \u00fcber sein Leben und seine B\u00fccher. Ich zeichnete alles auf, um es f\u00fcr eine Radiosendung zu verwenden. Aber der Verlagsalltag hat es bisher nicht zugelassen, mich weiter mit einem Portr\u00e4t f\u00fcr den Rundfunk zu besch\u00e4ftigen. Nach Theun de Vries Tod erschienen lange Nachrufe in den niederl\u00e4ndischen Medien. In Deutschland nahm niemand Notiz von seinem Ableben.<\/p>\n<p>Ebenso wie Edgar Hilsenrath oder Teodor M\u00fcller ist Theun de Vries f\u00fcr mich der Zugang zu einer vergangenen Welt, die heimlich in unsere Zeit hineinreicht. Fasziniert h\u00f6re ich Ihnen zu oder lese, was sie mir zu erz\u00e4hlen haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittwoch, 6. September 2006 Ein sch\u00f6ner Sp\u00e4tsommermorgen. Ich stehe fr\u00fch auf, um vor dem Fr\u00fchst\u00fcck einen Spaziergang zu machen. Es zieht mich noch einmal zur\u00a0 Egelantiersgracht, Haus Nummer 66. Hier wohnte Theun de Vries, der gro\u00dfe niederl\u00e4ndische Romancier. Das Haus spiegelt sich im Wasser. 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