{"id":27,"date":"2013-08-10T15:48:22","date_gmt":"2013-08-10T15:48:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.dittrich-verlag.de\/?p=27"},"modified":"2013-08-24T13:11:48","modified_gmt":"2013-08-24T13:11:48","slug":"eine-akte-bei-der-birthler-behorde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.dittrich-verlag.de\/?p=27","title":{"rendered":"Eine Akte bei der Birthler Beh\u00f6rde?"},"content":{"rendered":"<h3>Freitag, 22. September 2006<\/h3>\n<div>\n<p>In der letzten Woche erhielt ich Post von der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Birthler-Beh%C3%B6rde\">Birthler-Beh\u00f6rde<\/a> in Berlin. Die Recherchen h\u00e4tten ergeben, dass ich in den Karteien des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Rebpublik mit meinen Personalien erfasst worden sei. Die Erfassung deute darauf hin, dass Unterlagen zu meiner Person vorhanden sein k\u00f6nnten. Sobald die eventuell vorhandenen Unterlagen f\u00fcr mich aufbereitet seien, setzten sie sich wieder mit mir in Verbindung. Von zwischenzeitlichen Nachfragen solle ich absehen.<\/p>\n<p>Im November 1985 lerne ich <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erasmus_Sch%C3%B6fer\">Erasmus Sch\u00f6fer<\/a> kennen. Ich lade ihn zu einer Lesung im Rahmen der Veranstaltung \u00bbK\u00f6ln-Rotterdamer-Begegnungen\u00ab ins atelier-theater in K\u00f6ln ein. Ob ich Interesse habe, einen Maler aus der DDR auszustellen, fragt er mich, gleich nachdem er die R\u00e4ume und die Bilder an der Wand gesehen hat. Er habe den K\u00fcnstler Lutz Voigtmann auf der letzten Bezirkskunstausstellung in Karl-Marx-Stadt f\u00fcr sich entdeckt.<br \/>\nVier Monate sp\u00e4ter fahren wir gemeinsam mit dem Nachtzug nach Berlin. Ausstellungen mit K\u00fcnstlern aus der DDR werden \u00fcber den Staatlichen Kunsthandel abgewickelt.<\/p>\n<p>Wir fr\u00fchst\u00fccken ausgiebig in einem Caf\u00e9 in der Kantstra\u00dfe in Berlin. Mittags treffen wir uns mit Rainer Ebert vom Staatlichen Kunsthandel im Hotel Metropol in Ost-Berlin, um von dort ein Zimmer in Karl-Marx-Stadt zu buchen. Nur so erhalten wir Besuchervisen f\u00fcr die DDR.<br \/>\nAls wir im M\u00e4rz 1986 in einem gr\u00fcnen Lada von Ostberlin nach Karl-Marx-Stadt reisen, ahne ich noch nicht, dass ich sp\u00e4ter einmal einen Verlag haben und Erasmus Sch\u00f6fer mit seiner<br \/>\nRoman-Tetralogie \u00bb<a href=\"http:\/\/www.dittrich-verlag.de\/autoren\/erasmus-schoefer\/\">Die Kinder des Sisyfos<\/a>\u00ab mein Autor sein w\u00fcrde. Es ist meine erste Reise in die DDR.<br \/>\nUnser Fahrer <a href=\"http:\/\/www.galerie-berlin.de\/index.php?node=aboutGa\">Rainer Ebert <\/a>erweist sich als ein guter Kenner der politischen Verh\u00e4ltnisse in der BRD, stellt Fragen zu unserer Einsch\u00e4tzung der Wahlchancen der SPD bei der n\u00e4chsten Bundestagswahl. Er hofft auf die Anerkennung der DDR als eigenst\u00e4ndigen Staat, weil dann, wie er hofft, die Reisebestimmungen f\u00fcr DDR-B\u00fcrger in die BRD gelockert w\u00fcrden. Sch\u00f6fer meint, dass dann die Fachkr\u00e4fte aus der DDR in die BRD abgeworben und die DDR damit empfindlich getroffen w\u00fcrde. Ebert ist da anderer Meinung.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"margin: 15px; border: 2px solid black;\" alt=\"\" src=\"http:\/\/blog2006.dittrich-verlag.de\/uploads\/Image\/Lutz%20Voigtmann.jpg\" width=\"233\" height=\"347\" align=\"left\" border=\"2\" hspace=\"15\" vspace=\"15\" \/><br \/>\nAnkunft in Karl-Marx-Stadt, Hotel Kongre\u00df, 18. Stock, nasskaltes Wetter, die Menschen sprechen s\u00e4chsisch. Der K\u00fcnstler Lutz Voigtmann wartet unruhig in seinem Atelier. Hatte seit mittags auf uns gewartet. Die Ausstellung in K\u00f6ln hat f\u00fcr ihn eine gro\u00dfe Bedeutung. Die Reisediskussion aus dem Auto wird sp\u00e4ter im Lokal bei Bier und Nordh\u00e4user auch mit Lutz Voigtmann fortgesetzt.<br \/>\nF\u00fcr mich ist es damals selbstverst\u00e4ndlich, dass der K\u00fcnstler auch zur Ausstellungser\u00f6ffnung nach K\u00f6ln kommen kann. Als ich merke, dass dies von Seiten des Staatlichen Kunsthandels versucht wird zu verhindern, rufe ich dort an. Das werde ganz oben entschieden, wird mir nach langen Nachfragen geheimnisvoll gesagt. Dann stellen Sie mich bitte durch! Schweigen auf der anderen Seite \u00fcber diese unbedarfte Frage eines Westdeutschen.<\/p>\n<p>Lutz Voigtmann durfte, nachdem seine Frau Besuch von einer jungen Dame bekam, die sie zu ihrer Ehe befragte, zur Finissage seiner Ausstellung nach K\u00f6ln kommen.<br \/>\nNach der Ausstellung besuche ich Voigtmann noch einige Male in Karl-Marx-Stadt. Einmal reisen wir, obwohl ich keine Genehmigung daf\u00fcr habe, zusammen nach R\u00fcgen und besuchen dort Freunde von ihm. Die Bedenken Voigtmanns kontere ich mit meiner Automarke. Ich fahre einen LADA. Als wir zur\u00fcck in Karl-Marx-Stadt sind, gesteht mir Voigtmann, welche<br \/>\n\u00c4ngste er deshalb ausgestanden hat. W\u00e4ren wir angehalten worden, h\u00e4tte er sich weitere Westreisen abschminken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>K\u00fcnstler aus Karl-Marx-Stadt, die zum Reisekader geh\u00f6ren, machen Station in unserer Wohnung in K\u00f6ln, sind froh eine Unterkunft im Westen zu haben. Denn sie haben nur das Begr\u00fc\u00dfungsgeld der BRD von 100 DM in der Tasche.<br \/>\nBei einer weiteren gemeinsamen Reise mit Erasmus Sch\u00f6fer zu Lutz Voigtmann nach Karl-Marx-Stadt, fahren wir zu dritt weiter zur \u00bb10. Staatlichen Kunstausstellung der DDR\u00ab nach Dresden. Auf der R\u00fcckreise machen Sch\u00f6fer und ich Halt in Weimar, besuchen Alena und <a href=\"http:\/\/www.radio.cz\/de\/artikel\/50389\">Lotte F\u00fcrnberg<\/a>. Sch\u00f6fers Tochter hatte ein Semester mit Alena in Halle studiert. Ihr Vater ist der fr\u00fch verstorbene Schriftsteller <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Louis_F%C3%BCrnberg\">Louis F\u00fcrnberg<\/a>, der in den drei\u00dfiger Jahren mit seiner Agitprop Gruppe in der Tschechoslowakei auftrat und sp\u00e4ter von den Nazis verfolgt wurde.<\/p>\n<p>Ich habe den Namen F\u00fcrnberg vorher noch nie geh\u00f6rt. Nach der Wende f\u00fchre ich ein langes Interview mit seiner Frau Lotte F\u00fcrnberg \u00fcber ihr Leben und das ihres Mannes. So entsteht 1991 mein erstes H\u00f6rfunk-Feature \u00bbAls die Tr\u00e4umer aufmarschieren\u00ab f\u00fcr den Deutschlandfunk.<br \/>\n1997 fahre ich mit Erasmus Sch\u00f6fer ein letztes Mal gemeinsam Richtung Osten. Jetzt hei\u00dft die Stadt Chemnitz, in der unser gemeinsamer Freund Lutz Voigtmann beerdigt wird. Kurze Zeit sp\u00e4ter er\u00f6ffne ich in Chemnitz eine Retrospektive mit Werken des K\u00fcnstlers Lutz Voigtmann, die ich gemeinsam mit der Neuen S\u00e4chsischen Galerie auf dem Ka\u00dfberg organisiert habe. Dort wird auch der Film \u00bbEs ist nichts weiter wie mein Leben\u00ab gezeigt. Mit einfachsten Mitteln habe ich wenige Wochen vor Voigtmanns Tod mit einer halbprofessionellen Kamera einen Film \u00fcber Lutz Voigtmann gedreht.<\/p>\n<p>Aber auch nach Voigtmanns Tod reise ich weiter nach Chemnitz. Inzwischen gibt es eine<br \/>\nFreundschaft mit einem anderen K\u00fcnstler aus dieser Stadt. Zehn Jahre zuvor hat Erasmus Sch\u00f6fer wieder einmal ein Bild f\u00fcr sich entdeckt. Wir erfragen die Adresse des K\u00fcnstlers und besuchen <a href=\"http:\/\/www.christian-lang-art.de\/christianlangchb.html\">Christian Lang<\/a> in seinem Atelier. Dieser K\u00fcnstler macht seit drei Jahren die Radierungen f\u00fcr die Buchcover der <a href=\"http:\/\/www.buchmarkt.de\/content\/29466-dittrich-verlag-mit-sonderprospekt-zum-abschluss-der-hilsenrath-werkausgabe-anfang-2008.htm\">Edgar Hilsenrath Werkausgabe<\/a>.<br \/>\nAnfang dieses Jahres erz\u00e4hlte ich einem Freund, dass mich jetzt, nach so vielen Jahren, doch interessieren w\u00fcrde, ob es eine Akte \u00fcber mich von der Staatssicherheit der DDR g\u00e4be. Er erz\u00e4hlte mir, dass es ganz einfach sei, dies zu erfahren. Am 11. Januar 2006 stellte ich dann die Anfrage bei der Birthler-Beh\u00f6rde.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freitag, 22. September 2006 In der letzten Woche erhielt ich Post von der Birthler-Beh\u00f6rde in Berlin. Die Recherchen h\u00e4tten ergeben, dass ich in den Karteien des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Rebpublik mit meinen Personalien erfasst worden sei. 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